Journalismus und Krise

„Redaktionen brauchen neue Experten“

von Katharina Ritzer

„Thesenschleuderjournalismus“ kommentierte ein Kollege unter dem Link zu Lorenz Matzats Text „Automatisier‘ Dich, Lokaljournalismus!“, und man konnte das Stöhnen förmlich hören. Unrecht hat er ja nicht, zu viele von Matzats Forderungen sind seit Jahren bekannt. Womit sich die Frage stellt, warum sich bislang keine Lokalzeitung ernsthaft daran gemacht hat, aus diesen Forderungen Folgerungen zu ziehen und sich für den Leser wieder so unentbehrlich zu machen wie einst in Zeiten ohne Internet. Die Lokalzeitung ist der geborene Partner für alle Alltags-Lebenslagen der Menschen. Und droht doch immer mehr abgehängt zu werden – entweder von oben durch große kommerzielle Player wie Google oder von unten durch Blogs, die von engagierten Bürgern selbst organisiert werden. Was ist zu tun? Ein paar Gedanken aus der Praxis.

Ran an die Daten

Es ist müßig, über die Datenkraken Google, Facebook et al zu jammern, zumal, wenn man in einem Medienunternehmen arbeitet. Auch Verlage sind nicht zimperlich, ihre Kunden zu durchleuchten und deren Daten zu speichern. Darüber hinaus kennt aber niemand die vielen anderen Daten-Träger vor Ort so gut wie die Lokalzeitung: Kommunalverwaltungen mit Informationen zu Öffnungszeiten, Bürgerservice, Bibliotheken und Baustellen, Stadtwerke mit Busfahrplänen und Öffnungszeiten der Bäder, Parkhäuser mit freien Plätzen und Preisen, die Abfallwirtschaft mit Leerungstagen der Mülltonnen, Kirchen mit Zeiten der Gottesdienste, Einzelhandel mit allen Serviceangeboten undundund.

Hier sind die Daten

Warum stellt die Lokalzeitung dem Leser nicht einen automatisierten und so nah wie möglich personalisierten Zugang zu all diesen Daten zur Verfügung? Eine App mit meiner Straße, meinem Viertel, meinem Kino, meinem Verein, der Kita oder Schule meiner Kinder? Dazu braucht es zunächst mal Initiative und viel Technik, die kostet. Dafür liegt der Datenschatz dann aber auch im Keller der Lokalzeitung. Was aber von Beginn an allen Beteiligten klar sein muss: Die Zusammenarbeit ist zum Nutzen der Leser angelegt. Ihm sollen alle Daten so schnell, so einfach und so personalisiert wie möglich zur Verfügung stehen. Nur so kann dann auch ein Erlösmodell entwickelt werden.

Klare Verhältnisse

Zeitungsverlage, Kommunalverwaltungen, Stadtwerke und Einzelhandel (die Liste ist beliebig erweiterbar) haben durchaus berechtigte unterschiedliche Interessen. Wenn die Daten zeigen, dass Busse an einer bestimmten Stelle auffällig oft Verspätung haben und die Redaktion der Lokalzeitung dies zum Anlass für kritische Berichterstattung nimmt, müssen Stadtwerke das aushalten. Deshalb sind bei der Kooperation von Datenlieferanten und Zeitungsverlag vorab klare Spielregeln zu vereinbaren - Verträge sind bekanntermaßen für schlechte Zeiten.

Nicht alle können auch alles

Für eine automatisierte Verarbeitung der Daten im Sinne der Leser braucht es  Experten – Experten wie Techniker und Datenanalysten. Die gibt es zwar durchaus in Zeitungsverlagen, allerdings kaum in den Redaktionen. Dabei hat die Aufbereitung der Daten in vielen Fällen doch auch eine journalistische Komponente: Hinter welchen Daten steckt eine Geschichte? Wie können die gesammelten und intelligent archivierten Daten Geschichten anreichern? Und für welche Daten interessiert sich der Nutzer eigentlich und welche Schlüsse sind daraus für das journalistische Angebot zu ziehen?

Redaktionen brauchen deshalb neue Experten. Datenjournalisten etwa, die Daten beschaffen, verarbeiten und mit einem journalistischen Blickwinkel aufbereiten. Programmierer braucht es, ebenso Infografiker. Diese nicht nur in den Redaktionen zu installieren, sondern vor allem auch für die eigenen Bedürfnisse auszubilden, ist eine der großen Herausforderungen für Zeitungsverlage. Die Schwerfälligkeit, die hier ebenso wie beim Umgang mit den Daten zu beobachten ist, muss schleunigst abgestellt werden. Es wird schwierig genug, kompetente Leute für die nicht gerade als innovativ verschriene Lokalzeitungsbranche zu gewinnen.

Katharina Ritzer

Katharina Ritzer

Neue Osnabrücker Zeitung
Newsdesk-Leitung
Tel.: 0541– 310 665
Mail: k.ritzer@noz.de

Zum Text von Lorenz Matzat:
Screenshot von Datenjournalist.de

Noch immer würden viele Lokalzeitungen im digitalen Bereich nicht die Möglichkeiten der ortsbasierten Personalisierung nutzen, meint der Experte Lorenz Matzat.

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